Wohne ich hier noch?

Nach gut eineinhalb Wochen, in denen ich meinen Vater in Oberschwaben – ein paar hundert Kilometer weit weg – besucht habe, komme ich nach Hause. Chris holt mich am Bahnhof ab :-))
Ein bisschen bin ich ja schon vorgewarnt, bevor ich unsere Wohnung betrete. Er hatte mit dem Einpacken an den letzten ein bis zwei Tagen begonnen, als ich noch da war. Ich weiß, dass er alle seine Sachen eingepackt hat – und das ein oder andere gemeinsame. Er hatte mir auch via Skype ein paar Bilder gezeigt.

Aber als ich dann zuhause bin, sind einige Ecken in unserer Wohnung doch verdammt kahl! 
Fehlt an der Badezimmerwand ein Farbtupfer, wo früher immer unser offener Reise-Waschbeutel hing und als zusätzlicher “Regalplatz” diente? Oder muss ich mich nur daran gewöhnen, dass da jetzt “nichts” ist?
Unseren Nagelclipser vermisse ich auch. Chris geht ihn in den Kartons suchen (später finden wir ihn an ungewohntem Ort im Badezimmerschrank).
Kurz darauf vermisse ich mein Gesichtswasser. Chris geht nochmal in dem Karton von vorher auf Suche – leicht gestresst. Ich auch.
Dann fehlt mir ein Paar Schuhe. Sie sind im untersten Karton eines hohen Kartonstapels. Ich gehe statt dessen mit meinen Wanderschuhen in die Stadt ….
Ich fühle mich, als würde ich hier gar nicht mehr wohnen.

Ich vermisse Dinge. Meine Routine wird durcheinander geworfen. Für Dinge, die ich nur alle zwei oder drei Tage brauche, möchte ich nicht in unser Büro oder in den Keller laufen müssen. Ich hätte auch gerne die Auswahl zwischen mehr als einem Paar Schuhe oder mehr als einer Wintermütze …
Sind das die hartnäckigen Zuckungen eines veränderungs-unwilligen Kerns von mir? Oder ist es ein legitimes Bedürfnis, das minimalistische Klarheit nicht behindert?

Darüberhinaus sind mir manche Ecken in der Wohnung noch zu voll, da muss noch weggepackt werden. Andere sind mir viel zu leer, da möchte ich schon wieder auspacken!

Das war vor drei Tagen. Wir haben uns inzwischen etwas sortiert. Ich fühle mich wieder etwas mehr zuhause. Als Lehre daraus würde ich aber sagen:

  • zusammen (also Chris und ich) den kompletten Besitz gleichzeitig einpacken (damit man nicht schon auspackt, während man teilweise noch gar nicht komplett eingepackt hat) wäre besser gewesen
  • Kartons möglichst gut beschriften und auch schon so packen, dass Dinge, die man vermutlich rausholen muss, zusammen sind. Dann kann man diese Kartons als oberste auf die Stapel packen und muss sich nicht durch drei Kartons graben, um an etwas (…Schuhe…) dran zu kommen.
  • und dann vielleicht in der Zeit schöne Aktionen einplanen. Denn so eine leere Wohnung ist – für mich – erstmal nicht nur befreiend, sondern auch beängstigend. Ich fühle mich ein bisschen “ausgesetzt”. Da tut es gut, wenn gleichzeitig nicht noch andere Stressfaktoren präsent sind.
6 Antworten
  1. Anke
    Anke says:

    Ich hatte mich schon gefragt, ob das klappt, wenn einer das Experiment macht und der andere quasi “Zaungast” ist 😉 Die Sucherei erinnert mich unangenehm an den letzten Umzug und ist mit ein Grund, wieso ich Umzüge absolut nicht mag. Egal wie planvoll und strukturiert ich packe, irgendwie sind die Sachen, die man sucht in der untersten Kiste…

    Schöne Grüße

    Anke

    Antworten
    • andrea
      andrea says:

      Hallo Anke,
      danke für Deinen Kommentar. Vielleicht hätte ich Chris in einen Karton packen sollen (da hätte er dann eine schöne minimalistische Umgebung gehabt) und die anderen wieder ausgepacken … 😉
      Ich hoffe, der Artikel hat sich nicht zuuu negativ angehört. Manches, was mich gestört / was ich vermisst habe, liegt sicher auch daran, dass Umstellungen (gerade radikale) nicht so ganz einfach sind …. Ich bin manchmal einfach ein spießiges Gewohnheitstier 😉
      Liebe Grüße!
      Andrea

      P.S.: mit dem planvollen Packen und den untersten Kisten hast Du leider irgendwie recht …

      Antworten
      • Anke
        Anke says:

        Liebe Andrea,
        Ne, war nicht zu negativ! Ich habe mich sehr gut identifizieren können 😉 Ich glaube zu dem Gewohnheitstier käme bei mir auch noch die Tatsache, dass die Veränderung nicht von mir ausgegangen ist. Auch wenn ich hinter der Idee stehe, muss ich mit Hürden umgehen, die ich nicht selbst aufgestellt habe. Da bin ich deutlich weniger tolerant und entspannt als wenn ich selbst die Kartons gepackt hätte 😉
        Ich find es zumindest beruhigend, dass noch jemandem so geht 😉

        Liebe Grüße

        Anke

        Antworten
        • andrea
          andrea says:

          Hi Anke,

          ja, es tut gut zu sehen, dass es noch anderen so geht, wie einem selbst – und da war Dein Kommentar sehr gut-tuend! 🙂
          Wir werden sehen wie es bei uns und den Kartons weitergeht 🙂

          Liebe Grüße!
          Andrea

          Antworten
  2. Anabel
    Anabel says:

    Hallo Andrea und Chris,
    ich bin heute auf Eure Website gestoßen und habe mich im Thema Minimalismus festgelesen, weil es mich schon lange interessiert und ich seit Jahren versuche, meinen Besitz zu reduzieren. Der simulierte Umzug ist eine gute Idee und ich bin sehr gespannt, weitere Erfahrungen von Euch dazu zu lesen. Für mich selber versuche ich das zumindest gedanklich manchmal durchzuspielen. Wir haben vor einigen Jahren ein Haus mit Garten gekauft, deshalb empfinde ich es als permanentes Dilemma. Einerseits genieße ich den Platz (im Sinne von Freiraum) und die Natur im Garten, andererseits benötigt man (zumindest scheinbar) so viele Dinge allein für die Pflege und Instandhaltung. Und man ist natürlich zeitlich sehr gebunden, weil man ja das ganze Geld dafür erarbeiten muss. Umso interessanter finde ich Euer Vorhaben, Euch ohne Anstellung eine Existenz aufzubauen. Uns geht es schon seit Jahren so, dass wir dieses Hamsterrad der abhängigen Beschäftigung und die damit verbundenen Zwänge satt haben. Deshalb würde mich auch interessieren, wie ihr es geschafft habt, euch davon zu lösen. Wir sind da noch auf der Ebene der Visionen und Träume.
    Ich wünsche Euch in jedem Fall alles Gute für Eure Vorhaben!
    Liebe Grüße,
    Anabel

    Antworten
    • andrea
      andrea says:

      Hallo Anabel,
      vielen Dank für Deinen netten und persönlichen Kommentar!
      Viel Platz zu haben, empfinde ich auch als sehr luxuriös. Wir können beispielsweise unsere gepackten Kartons in einen separaten Raum stellen 🙂
      Zu euren “Pflegemitteln” fällt mir als erstes die “Kleiderschrank”-Methode ein, habt ihr die schon probiert?: Alles was benutzt wurde, kommt auf eine bestimmte Seite/an eine bestimmte Stelle. Vielleicht könnt ihr so doch das ein oder andere Überflüssige identifizieren? Wir wünschen Dir, dass ihr eure Besitzreduktion gut in Angriff nehmen könnt!
      Bezüglich des Lösens von festen Jobs: wir hatten das auch schon viele Jahre vorher im Kopf gehabt und haben dann an einem Punkt den Sprung ins kalte Wasser gewagt. Wir können gar nicht so genau sagen, wie wir es geschafft haben. Wir haben uns durch entsprechende Literatur gelesen, mit anderen gesprochen, auf unser Gefühl gehört und uns Zeit gegeben, den Gedanken reifen zu lassen. Wir werden über dieses Abenteuer aber demnächst auch noch bloggen.
      Liebe Grüße und viel Erfolg bei all euren Projekten!
      Andrea + Chris

      Antworten

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