Wir und der Minimalismus

Minimalisten – wie kam das denn plötzlich?

Ich glaube so plötzlich kam das gar nicht. Als wir uns vor 17 Jahren kennen lernten, wohnte ich in einem WG-Zimmer und Chris in einem 1-Zimmer-Appartment. Ich hatte Berufe-Sammeln gespielt und er arbeitete an der Universität. Die typischen Ziele von “heiraten, Haus bauen, Kinder kriegen” hatten wir beide nicht.

Eine Freundin hatte zu meinem Zimmer mal gesagt, dass es sehr kahl und nüchtern sei. Nun, es war absichtlich so. Ich war in einer neuen Stadt und wollte mich nicht in ein gemütliches Heim einigeln, sondern raus gehen, Menschen kennenlernen, etwas unternehmen. Aber Einigeln ist viel einfacher als raus zu gehen ins Unbekannte. Es braucht keine Überwindung dazu. So habe ich mir das Einigeln absichtlich erschwert. Und es hat auch funktioniert. Ich habe mich deshalb dennoch nicht unwohl gefühlt in meinem Zimmer. Ich empfand es auch als schön und klar. Nur halt nicht kuschelig.

Es kam eine Zeit, in der wir bei einer großen Firma arbeiteten. Die Tätigkeit war nicht das, was ich einmal gelernt hatte. Die Kollegen und Kolleginnen waren wunderbar, die Arbeitsatmosphäre war toll – aber die Arbeit selbst laugte mich auf Dauer aus. Auch Chris war nach ein paar Jahren nicht mehr wirklich glücklich. In dieser Zeit hatten wir genug Geld und gaben es aus für Dinge und Bücher (viele Bücher, von denen wir die meisten nicht lasen, weil uns die Zeit fehlte). Unser Besitzstand nahm zu. Dann kam ein Umzug in eine größere Wohnung. Noch mehr Dinge.

Schließlich schafften wir den Absprung bei unserer Firma, zogen 500 Kilometer weiter in eine 70-Quadratmeter-Wohnung. Aber – glücklicherweise – nicht auf einmal! Wir hatten diese Wohnung schon ein paar Monate als “Wochenendwohnung” bevor wir umzogen. Sie war von uns mit dem wichtigsten eingerichtet: Eine kleine Spüle, ein Kühlschrank, ein kleiner Küchenschrank mit Hängeschrank-Oberteil, ein Tisch und zwei Stühle in der Küche. Ein Schreibtisch und ein Regal im Arbeitszimmer. Eine Matratze, ein Stuhl und eine Kommode im Schlafzimmer. Ein kleines Sofa, ein Regal und ein großer Sitzsack im Wohnzimmer. Und dazwischen viel Luft. Wir fühlten uns wohl dort. Als wir nun komplett dorthin ziehen wollten, verschenkten wir im Vorfeld mindestens ein Drittel unseres Besitzes: Unsere zwei großen Sofas, unseren Fernsehschrank, unseren großen Fernseher, unseren Badezimmer-Schrank, unseren ausziehbaren Küchentisch mit vier Stühlen, unser Bettgestell, unsere hohen Wohnzimmerregale, unseren Wohnzimmerschrank, meinen großen Schreibtisch, einen Computertisch, ein Küchenregal, einen kleinen Schubladenschrank, unser Telefontischchen, Kisten um Kisten mit Büchern, Kisten um Kisten mit Krimskrams und Kleidern. Mit einem vollbeladenen Transporter fuhren wir drei Mal zu einem Sozialkaufhaus. An Freunde verschenkten wir, was sie brauchen konnten. Alles, was nicht mehr ganz in Ordnung war, warfen wir weg.

Endlich kam der Umzugstag: Wir waren schon voraus gefahren und warteten in unserer Ratinger Wohnung. Als der Umzugslaster ankam, wurden die Kisten mit unseren restlichen Besitztümern ausgeladen. Und dann die Möbel. Chris und ich sahen uns an: wo wollten wir die noch hinstellen? Das ein oder andere Regal, ja. Der kleine Kleiderschrank und unsere zweite Kommode, ja. Der kleine Wohnzimmerschrank, ja. Die drei Hocker, ja. Aber der Rest? Unser Umzugs-Mensch hat ein Lager mit Möbeln, die er verkauft und auch schon mal aushilft, wenn etwas fehlt. Wir fragen ihn, ob er einige der Möbel wieder mitnehmen würde. Er würde. Und so fährt der Laster am Ende des Tages ungefähr ein Drittel voll wieder zurück.

Die nächsten Wochen packen wir Kisten aus. Es ist zuviel Zeug. Wir könnten es alles in unserer Wohnung unterbringen. Das wäre kein Problem. Ein paar deckenhohe Regale statt der 1,80m-Regale, eventuell an die ein oder andere freie Wand noch einen Schrank gestellt und die Sache wäre geritzt. Das wollen wir aber nicht. Wir haben diese Wohnung kennengelernt (und genossen!) mit soviel Luft dazwischen. Das wollen wir erhalten. Also nochmal aussortieren. Glücklicherweise gibt es auch hier direkt um die Ecke ein Sozialkaufhaus. Wir bringen immer wieder Umzugskartons dorthin, leihen uns eine Sackkarre aus, um mehrere auf einmal transportieren zu können. Insgesamt sind es wohl an die 20 Kartons, die wir verschenken.
Es war eine wunderbare Abspeckungskur, die wir aber nie so extrem gemacht hätten, wenn wir nicht den monatelangen Genuss der relativ leer eingerichteten Wohnung gehabt hätten.

Und jetzt: Minimalismus hat uns ins Herz getroffen. Da haben ein paar Menschen aufgeschrieben, was sie für wesentlich für ein geglücktes Leben halten und wir lesen es und stimmen dem zu. Es ist nichts Fremdes, es ist nur klar ausgedrückt, was weniger strukturiert schon immer in uns lebte.
Wir haben vor einem Jahr einen Monat lang das Minimalisten-Spiel gespielt – keiner von uns hat verloren. Wir konnten sogar “schlecht zählen” und haben an manchen Tagen mehr weggegeben, als nötig. So waren wir am Ende um gut 1000 Dinge leichter. Trotzdem noch nicht genug. Wir räumen immer noch aus. Manches ist sehr schwer und zäh. Bücher beispielsweise. Oder Ideen. Oder Papierkram.

Vor einigen Wochen schien zum ersten Mal eine neue Klarheit durch, eine Ahnung, wie es ist, wenn wir wirklich nur noch das um uns herum haben, was wichtig ist und zu unserem erfüllten Leben beiträgt.
Wir sind noch unterwegs zu diesem Ziel. Von der Reise dorthin möchten wir auf diesem Blog berichten. Wir freuen uns, wenn wir damit auf Interesse stoßen und hoffentlich auch Positives anstoßen und weitergeben können. Feedback ist herzlich willkommen.

Viel Spaß beim Lesen!

Andrea + Chris

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