Straßenzeitung fiftyfifty und der Minimalismus

Seit Jahren lesen wir regelmäßig die Straßenzeitung fiftyfifty. Nicht nur, weil wir die nette Verkäuferin unterstützen möchten, sondern auch, weil sie spannende Themen anfassen, die man in anderen Medien nicht (oder nicht so) findet und weil ihre Artikel stets gut geschrieben und spannend zu lesen sind. Kurzum: Wir finden sie richtig, richtig toll!!!

In der Januar-Ausgabe hat sie uns dann auch noch mit einem Artikel zu Minimalismus überrascht.
Wir haben bei fiftyfifty und dem Autor Hans Peter Heinrich angefragt, ob wir ihn hier veröffentlichen dürfen (ohne die Fotos und deren Untertitel aus dem fiftyfifty-Original) und haben die Erlaubnis dazu bekommen. Hier ist er also: “Überdruss am Überfluss” aus der Januar-Ausgabe der Straßenzeitung fiftyfifty:

“Überdruss am Überfluss

Besitz ist nicht gleich Bereicherung

Mitte der 1980er Jahre bot ein Supermarkt rund 8.000 Artikel an – heute sind es über 26.000. Mein Discounter hält über 100 verschiedene Deo-Roller und Sprays bereit. Auf wie viele Arten kann ein Mensch eigentlich schwitzen? Viel und immer mehr von allem. Viel zu viel, meint eine global wachsende Zahl junger Menschen, die sich zum Minimalismus bekennen. Weniger materieller Besitz, stattdessen ein bewussteres, von Konsumzwängen weitgehend befreites Leben.

Die Forderung nach einem einfachen Leben ist nicht neu. Philosophen wusstenes immer schon: Menschen, deren Leben vom Haben oder Habenwollen bestimmt ist, finden nicht zu sich selbst. Der Philosoph Diogenes von Sinope etwa vertrat die Meinung, dass nur der wirklich glücklich sein kann, der sich von überflüssigen materiellen Gütern und äußeren Zwängen befreit: „Es ist göttlich, nichts zu bedürfen, und gottähnlich, nur wenig nötig zu haben.“ Der Weg zu einem erfüllten Leben führt nicht über Konsum und die Anhäufung von Besitz. „Wie zahlreich sind doch die Dinge, derer ich nicht bedarf“, soll Sokrates ausgerufen haben, als er über einen Markt von Athen ging. Auch in vielen Religionen wie der christlichen, islamischen, hinduistischen und buddhistischen spielt der Verzicht auf materielle Güter als Weg zur Erfüllung seit jeher eine wichtige Rolle, etwa in Form von Askese.

Völlig unabhängig jedoch von einem gemeinsamen kulturellen, religiösen oder weltanschaulichen Fundament entscheiden sich seit einigen Jahren immer mehr junge, pragmatische Menschen für einen einfachen, fokussierten Lebensstil, der sich als Alternative zur konsumorientierten Überflussgesellschaft versteht. Sie versuchen, mit so wenigen Dingen wie möglich zu leben und nur das zu besitzen, was sie wirklich brauchen. Ausgelöst wurde dieser Trend von dem US-amerikanischen Konsumkritiker David Michael Bruno, der 2008 begann, seinen persönlichen Besitz auf weniger als 100 Dinge zu reduzieren und auf seinem Blog sowie in seinem Buch The 100 Thing Challenge darüber berichtete. Der Untertitel des Buches fasst seine Botschaft programmatisch zusammen: How I Got Rid of Almost Everything, Remade My Life, and Regained My Soul: Wie ich mich fast aller Dinge entledigte, mein Leben erneuerte und meine Seele wiedergewann. Zu den Vorreitern gehören US-Amerikaner wie Kelly Sutton mit seinem Blog The Cult of Less (Der Kult des Weniger) sowie Joshua Fields Millburn und Ryan Nicodemus, die ihre Erfahrungen auf theminimalists.com teilen und nach eigenen Angaben mehr als zwei Millionen Leser haben.

Der Minimalismus ist kein einheitliches Lebensschema. Bei allen unterschiedlichen, sehr individuellen Ausprägungen gibt es jedoch gemeinsame Grundhaltungen. Dazu gehört das Bestreben, den eigenen ökologischen Fußabdruck zu reduzieren, z. B. durch Energiesparen und Abfallvermeidung. Eine durchaus vorbildliche Haltung angesichts der Tatsache, dass von den jährlich weltweit produzierten 4 Milliarden Tonnen Lebensmitteln 1,3 Milliarden Tonnen auf dem Müll landen. Fast ein Drittel des weltweiten Ackerlands wird also dazu genutzt, Nahrung zu produzieren, die nie gegessen wird – nicht zu reden von den Auswirkungen der Überproduktion auf Klima, Bodennutzung, Wasser und Artenvielfalt.

„Zeit ist Geld“, mahnte Benjamin Franklin 1748 in seinem Buch Ratschläge für junge Kaufleute und forderte junge Leute auf, keine Minute Lebenszeit ungenutzt zu lassen, um ihren Wohlstand zu mehren. Minimalisten haben eine andere Sichtweise. Aus ihrer Perspektive des einfachen Lebens ist es unvernünftig, Lebenszeit gegen Geld einzutauschen, um Dinge in seinen Besitz zu bringen, die man nicht braucht. Nach dem Wirtschaftsphilosophen Charles B. Handy nennen sie diese Haltung „Downshifting“, die Schaffung größerer persönlicher Freiräume für mehr Lebensvielfalt und Lebenssinn durch Konsumverzicht, ermöglicht durch die Reduzierung der Arbeitszeit.

Shopping zählt in Deutschland zu den beliebtesten Freizeitaktivitäten. 1,57 Billionen Euro betrugen die privaten Ausgaben der Deutschen im Jahr 2014. „Leben, um zu kaufen“ halten nicht wenige anscheinend für den Sinn ihrer Existenz. Die Minimalisten sind keine Konsumverweigerer, sie handeln jedoch umgekehrt nach der Devise „kaufen, um zu leben“. Status- und Prestigesymbole lehnen sie ab; dabei sind sie keine Schnäppchenjäger im Sinne der „Geiz-ist-geil“-Mentalität. Sie wählen bewusst aus, statt viel und billig zu konsumieren. Bei den wenigen Dingen, die sie kaufen, legen die meisten Wert auf gute Qualität und darauf, dass sie tatsächlich einen Zweck erfüllen. Den Konsum kurzlebiger Wegwerfprodukte betrachten sie als unsinnige Zeit-, Geld- und Ressourcenvergeudung.

Was ist im Leben wichtig und was kann man streichen? Die Antworten darauf sind von Minimalist zu Minimalist verschieden, ebenso das Ausmaß des Verzichts. Die einen legen eine Anzahl von Dingen fest, die sie maximal besitzen möchten, den anderen genügt es, sich bewusst gegen Konsumzwänge zu stellen und eine Alternative zur Überflussgesellschaft zu suchen. Einige wollen unnötigen Ballast gegen einen freien Kopf eintauschen, und wiederum andere verschenken fast ihr gesamtes Hab und Gut. Zu den wenigen Dingen, die für die meisten Minimalisten unverzichtbar sind – und für die sie verhältnismäßig viel Geld ausgeben –, gehören Laptop und Smartphone. Die Geräte verschaffen den Zugang zur digitalen Welt, das als überregionale Plattform für den Erfahrungsaustausch mit Gleichgesinnten sowie als Plattform für das Teilen und Co-Konsumieren von Produkten genutzt wird. Wenig besitzen bedeutet damit nicht unbedingt Verzicht. Auch wenn sich CDs, Bücher, Zeitschriften, Fotos und Videos nicht mehr in physischem Besitz befinden, werden stattdessen digitale Angebote wie eBooks, Streaming-Dienste oder Clouds genutzt. Durch die Digitalisierung stehen Informationen und Dateien jederzeit und überall zur Verfügung. Tausende von Dingen quasi in einem: auf dem Smartphone oder Laptop. Es hat den Anschein, als habe die virtuelle Welt entscheidenden Einfluss auf die Möglichkeiten, heute minimalistisch zu leben. Wie unabhängig von gesellschaftlichen Zwängen man wirklich ist, wenn physischer Besitz und Konsum durch virtuellen ersetzt wird, ist allerdings fraglich.

Hans Peter Heinrich”

 

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Liebe Grüße!

Andrea + Chris

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