Digitale Nomaden – mein Vortrag auf dem Minimalistentreffen in Frankfurt am 18. Juli

Hier kommt nun mein versprochener Aufschrieb vom Vortrag über “Digitale Nomaden”, den ich auf dem Minimalismus-Jahrestreffen am letzten Samstag in Frankfurt gehalten habe (vielen Dank nochmal für das viele positive Feedback! Und vielen Dank an Michael, Svenja und Finn, die das Treffen und den Ort organisiert haben*).

Da ich den Vortrag nicht detailliert ausgearbeitet hatte, ist er hier sicherlich etwas anders als er tatsächlich in Frankfurt war. Die Inhalte sind aber die selben und orientiert an der Stichwort-Liste, anhand der ich in Frankfurt vorgetragen habe.

Am Ende habe ich dann noch ein paar Links eingefügt, von Sachen und Leuten, die ich im Vortrag erwähnt hatte, aber die jetzt im geschriebenen Text irgendwie nicht mit drin sind… Alles und alle die ich im Text erwähne, verlinke ich auch direkt im Text :-)

So, und nun geht’s los:

Digitale Nomaden

Der Begriff „Digitale Nomaden“ taucht in den Medien immer öfter auf. Meist in Zusammenhang mit reisenden Menschen, die aus dem Rucksack leben und all ihre Besitztümer dabei haben. Echte Minimalisten also.
Aber ist es nur das?

Sascha Lobo, der bekannte Blogger, hat den Begriff 2008 geprägt.

Wikipedia – Definition Digitaler Nomade definiert sie so:

„Ein Digitaler Nomade (auch Internet-Nomade) ist ein Unternehmer oder auch Arbeitnehmer, der fast ausschließlich digitale Technologien anwendet um seine Arbeit zu verrichten und der einen Lebensstil führt, der eher als nicht sesshaft zu bezeichnen ist.”

Einige sagen auch: Wenn du nicht reist, bist du kein digitaler Nomade.

Ich persönlich halte es mit Conni Biesalski, die den großen Reiseblog Planet Backpack hat. Sie sagt auf ihrer Seite conni.me:
„Digitaler Nomade zu sein bedeutet für mich ein eigenes Business zu haben. Ob du das Business mit um die Welt nimmst, oder nur in den Coffeshop nebenan in deiner Stadt – die Bandbreite an nomadischen Bewegungen ist lang. Das Ziel ist: Unabhängigkeit. Ortsunabhängigkeit.“

Ortsunabhängigkeit ist das Verbindende, die Reduktion des Business auf Laptop und Internet.

Wie sind wir selbst dazu gekommen?

Angefangen hat es damit, dass wir Affiliate-Marketing** über den Blog Smart Passive Income des Amerikaners Pat Flynn entdeckt haben (eigentlich hat es mit meinen Freelancer-Aufträgen als Autorin und Lektorin angefangen, die ich seit Jahren mache und an die ich deswegen in Frankfurt gar nicht gedacht und sie nicht erwähnt habe). Pat Flynn arbeitet viel mit Nischenseiten mit Affiliate-Links und erklärt das auf seinem Blog auch sehr genau.

Wir haben dann aber auch gemerkt, dass uns unsere Erfahrungen aus 20 Jahren als Angestellte bei großen Unternehmen, NGOs und Öffentlichem Dienst nur bedingt helfen. Manches lässt sich anwenden, aber nicht alles. Online-Business als Selbstständiger ist einfach etwas anderes. Das heißt wir haben alles hinterfragt, was wir zu wissen glaubten, haben viele Podcasts gehört, Blogs gelesen und mit Menschen gesprochen, die das machen, was wir auch wollen. Chris ist im Mai auf die Digitale Nomaden Konferenz (DNX) nach Berlin gefahren und super inspiriert und mit vielen Kontakten wieder nach Hause gekommen. Ich werde jetzt Ende Juli auf die DNX Global fahren und bin schon sehr gespannt.

Wir haben uns dann auch noch einen Online-Kurs geleistet: Die Blogging University von Ben Paul. Er ist ein ganz junger Kerl (Mitte zwanzig), der schon mehrere erfolgreiche Blogs aufgezogen hat und davon lebt. In der “Blogging University” spricht er nicht nur von Technik, sondern es geht ganz viel auch um die richtige Einstellung im Kopf. Wir haben gemerkt, dass sich durch all dies auch bei uns im Kopf einiges mit der Zeit verändert hat.

Welche Geschäftsmodelle eignen sich für Digitale Nomaden?

Die meisten fangen als Freelancer an, Webseiten gestalten, programmieren, Texte schreiben, übersetzen, lektorieren, alles was sich mit Laptop und Internet machen lässt. Von Affiliate-Marketing habe ich ja schon gesprochen, auch das ist eine Einnahmequelle, wenn man eine gute Nische findet und gute Seiten macht.

Später kommen bei den meisten Nomaden dann eigene Produkte dazu, wie beispielsweise eBooks oder Online-Video-Kurse. Es gibt auch Nomaden, die mit Beratung und Coaching ihr Geld verdienen und mit den Kunden beispielsweise über Skype kommunizieren und sie dann live besuchen, wenn sie in Deutschland sind.

Ideal ist ein skalierbarer Verdienst, der von der Arbeitszeit entkoppelt ist, d.h. wo man keinen Stundensatz mehr hat. Übersetzung ist beispielsweise an die Arbeitszeit gekoppelt: viel Arbeit, viel Geld, wenig Arbeit, wenig Geld. Ein eBook muss man schreiben und promoten, je nachdem wie erfolgreich das Buch dann wird, verdient man mehr oder weniger – dies ist aber nicht mehr direkt an die Arbeitszeit gekoppelt.

Digitaler Nomade – ideal für alle?

Natürlich stellen sich auch Fragen:

  • Ist das ein Lebensstil für immer?
  • Wie ist es, wenn man eine Familie gründen möchte?
  • Wie ist es mit Freunden?
  • Wie wichtig ist “Heimat” und wo oder was ist die?

Ich denke, dass sich jeder selbst darüber klar werden muss, was er möchte und nicht für jeden und jede ist der Lebensstil eines Digitalen Nomaden das richtige. Ich finde es aber wichtig, dass alle wissen, dass es so etwas gibt und sich informieren und austauschen können und – wenn sie sich davon angezogen fühlen – auch alle Infos finden, die sie brauchen um zu starten.

Auch wir sind – zumindest noch – rechts ortstreue digitale “Nomaden”. Wir reisen nur sehr wenig durch die Weltgeschichte und sind vor allem zuhause. Aber wir arbeiten ortsunabhängig.

Ortsunabhängigkeit bedingt, dass ich keine riesigen Festplatten mit mir herum trage, maximal eine kleine (also physisch klein, nicht unbedingt vom Speichervolumen her). Die Daten liegen in der Cloud.
Ortsunabhängigkeit bedingt auch, dass ich an allen möglichen Orten und Tischen sitze, oder auch ohne Tisch arbeite. Schreibtische aber sind seltener.

Schreibtische auch zuhause zu eliminieren, kann ein Weg sein zu mehr Kreativität und Freude bei der Arbeit. Denn die Dinger – so praktisch sie auch sind – sind ganz schön negativ besetzt:

  • Hausaufgaben machen am Schreibtisch
  • Als Angestellte am Schreibtisch arbeiten müssen

Ich habe festgestellt, dass ich mich leichter und freudiger fühle, wenn ich nicht am Schreibtisch sitze (den wir aber tatsächlich noch haben).

Bei schönem Wetter mit dem Laptop auf dem eigenen Balkon arbeiten oder in ein Café gehen. Sich mal in die Bücherei setzen zum Arbeiten. Wenn ich ohne Schreibtisch und nicht zuhause bin, kann ich mich auch besser konzentrieren, die Texte fließen schneller und müheloser, Strukturen kristallisieren sich einfacher heraus, Priorisieren fällt mir leichter.

Für mich und meinen Mann Chris ist tatsächlich Ortsunabhängigkeit das wichtigste. Nicht Ortsunabhängigkeit um ständig zu reisen, sondern Ortsunabhängigkeit um Schreibtisch und Büro verlassen zu können.

Vor- und Nachteile des Lebens als Digitaler Nomade

Die Vorteile eines Lebens als Digitaler Nomade scheinen auf der Hand zu liegen:

  • Reisen
  • seine eigenen Projekte verwirklichen
  • arbeiten wann und wo man möchte

Aber es gibt auch kritische Stimmen, die den Vorwurf erheben, dass ein zu rosiges Bild gezeichnet würde.
Wenn es so einfach wäre, warum machen es dann nicht alle?

Gerade am Anfang muss man Unsicherheiten und Ängste – durchaus auch mal massive Existenzängste – aushalten.
Hier möchte ich auch nochmal Conni Biesalski zitieren:
“Der Anfang ist oft nicht leicht und mit viel Schweiß und Herzblut verbunden. Mit Ängsten. Mit Risiken. Mit richtig schlechten Tagen, an denen du denkst du schmeisst alles hin.
Aber eben auch mit einem unglaublichen Gewinn: Ein Leben, das nur deines ist, das du jeden Tag so leben kannst wie du möchtest.”

Ein weiterer Nachteil kann die Arbeitsroutine sein. Wenn kein Druck von außen da ist, muss man die Selbstdisziplin haben, um regelmäßig zu arbeiten und die Projekte voran zu treiben. Gerade in einer schönen Umgebung, wo andere Urlaub machen, fällt das besonders schwer.
Deshalb empfehlen beispielsweise Marcus und Feli, die die digitale Nomadenkonferenz DNX in Berlin organisieren, dass vor allem „Jungnomaden“ nicht in typische Urlaubsziele fahren, sondern zu Nomaden-Hotspots, wo sie sich mit Gleichgesinnten treffen und auch austauschen können.

Einige Digitale Nomaden kommen auch nur so grade eben über die Runden: Geld verdienen in Dollar oder Euro und leben in billigen Ländern.

Also ganz so einfach ist es nicht, sonst täten es vielleicht doch mehr Menschen.

Minimalismus und Digitale Nomaden haben aber auch einige Überschneidungen:

Zum einen ist Minimalismus natürlich eine gute Voraussetzung um reisen zu können (und eine notwendige, wenn man seine Wohnung aufgibt).

Aber auch wenn man nicht reisen möchte, kann man sich hier etwas rausziehen.

Digitale Nomaden zeigen, wie der Aufbau eines Online-Business funktionieren kann, um selbstbestimmt arbeiten zu können oder mit welchen Services und Tools man die Reduktion des Arbeitsplatzes auf Laptop und Internet schafft.

Und dann kam die Frage- / Diskussionsrunde im Anschluss an den Vortrag:

Wir haben

  • über fehlende Kollegen gesprochen und wie man das anstellen kann, nicht einsam zu sein (Nomaden-Hotspots, Coworking-Spaces, falls man mit jemandem total auf einer Linie liegt dann ev. auch zusammen ein Business aufziehen),
  • darüber ob das der ideale Lebensstil für jeden ist (nein)
  • über die Vorteile einer Trennung von Arbeit und Zuhause (Vorteil des Angestellten-Lebens) und die Schwierigkeit, sich einen Feierabend oder ein Wochenende zu genehmigen, wenn man als Selbstständiger weiß, was noch alles getan werden sollte
  • wie wir es geschafft haben uns Zeit für Freizeit zu genehmigen (die Aussage einer Freundin***, dass Auszeit gut tut und danach die Arbeit auch wieder besser geht (***Silke von minimalisch.de, die gerade – ganz digitale Nomadin – ihre Wohnung aufgelöst hat und mit Freund und Wohnmobil in Spanien lebt und arbeitet) und ein langsames Umdenken bei uns durch viel lesen und reden von und mit anderen Nomaden und Freiberuflern)
  • ob wir ortsunabhängig arbeiten (ja)
  • ob wir davon schon leben können (nein, noch nicht – wir arbeiten daran, dass wir in einem Jahr diese Frage anders beantworten werden!)
  • wie wir unsere Arbeit organisieren (Ablenkungen vermeiden durch Arbeiten im Café, To-Do-Wochenlisten (Scrum) und Visualisieren des Fortschrittes (Scrum). Dabei haben wir früher Scrum mit den Sheets in Google Docs gemacht und jetzt machen wir es über Trello)
  • ob es nicht schade ist, arbeiten zu müssen auf Reisen, weil man dann vom Land nicht viel oder nichts mitbekommt (es ist kein Urlaub, das muss man sich klar machen. Land erleben am Feierabend (wobei der nicht zeitlich von außen definiert ist) und an freien Tagen. Erleichtert wird das aber, wenn man nicht in den Touri-Spots ist, wo alle um einen rum Urlaub machen, sondern – vor allem am Anfang – eher in den Nomaden-Hotspots, wo man unter Gleichgesinnten ist, die ebenfalls arbeiten und mit denen man sich auch austauschen kann)

Weitere Links, Tipps und Tools zu Minimalismus und Digitale Nomaden:

  • Vegan Power Girl – Mega-Minimalistin: sie hat eine Matratze und keine weiteren Möbel. Auf YouTube gibt sie eine Tour durch ihre Wohnung.
  • Joshua Fields Millburn & Ryan Nicodemus, zwei amerikanische Minimalisten, die den Blog The Minimalists betreiben
  • Tools und Tipps für (angehende) Digitale Nomaden in der DNX Tool Box von Marcus und Feli
  • Dropscan – hatte ich im Vortrag nicht erwähnt. Sie scannen die Post für einen ein und schicken sie dann per E-Mail, so dass man weltweit Zugriff darauf hat.

Noch was zum Schluss:

*Weil ich gar nicht mehr weiß, wer mich alles auf den Vortrag angesprochen hatte, bedanke ich mich mal rundum, bei allen Leserinnen und Lesern und allen Bloggerinnen und Bloggern, die da waren!
Pia hat zum Thema auch ganz aktuell auf ihrem Blog geschrieben, und mich erwähnt.
Und bei Michael, Apfelmädchen & sadfsh, Isabell, Gabi und Frau Momo gibt es weitere Reviews zu dem Treffen. Das Magazin Restkultur hat auch darüber geschrieben und einige von uns ganz kurz zum Thema “Reste” interviewt.

**Affiliate-Marketing bedeutet, dass ein Unternehmen, das etwas verkaufen möchte, die Möglichkeit bietet, dass man auf dem eigenen Blog / der eigenen Webseite auf dieses Unternehmen und sein Produkt verlinkt. Wenn dann über diesen Link tatsächlich Käufer kommen, bezahlt das Unternehmen einen bestimmten Prozentsatz als Provision. Hierfür gibt es auch extra Affiliate-Plattformen, die Unternehmen und Blogger zusammenbringen und einem viel Organisatorisches abnehmen.
Dabei geht es für mich nicht darum, dem Eisbären einen Kühlschrank zu verkaufen. Gute Affiliate-Seiten haben einen Mehrwert für die Kunden. Das heißt, dass man die Nischen finden muss, wo Menschen im Internet etwas suchen und noch nicht die optimalen Antworten finden bzw. wo man selbst bessere Antworten liefern kann. Zu dieser Suche liefert man dann auf seiner eigenen Seite die Informationen und auch die Produkte, nach denen diese Menschen suchen.

2 Antworten
  1. andrea
    andrea says:

    Bei Matthias gibt es auch einen Artikel über das Treffen.
    Wenn ihr noch mehr findet, die ich hier nicht verlinkt habe, postet sie gerne in den Kommentaren!

    Liebe Grüße!
    Andrea

    Antworten

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